7.4 Wieder unzählige Radio-Hersteller – viele sind heute vergessen

Im Jahr nach dem Ende des Krieges gab es viele Trümmergrundstücke und das darauf wachsende Unkraut konnte die Kriegsspuren nicht verbergen. Heimkehrende Soldaten und Flüchtlinge versuchten, sich eine Existenzgrundlage zu schaffen, indem sie Notunterkünfte bauten, die auch für gewerbliche Zwecke genutzt wurden. Einige Menschen hatten die Idee, Radios zu bauen, aber es war schwierig, Material zu bekommen, da niemand es für Reichsmark verkaufen wollte. Tauschgeschäfte waren die Regel. Es entstanden Aktivitäten in diesem Bereich, nicht nur bei Neulingen, sondern auch bei ehemaligen Radiofabriken, die im Interzonenhandel ohne Kompensationsgeschäfte nicht weiterkamen. Obwohl die etablierten Firmen den Vorteil des Markennamens und qualifizierter Mitarbeiter hatten, hatten sie immer noch Beschaffungsprobleme. Die "Radiowelt" stand den Neugründern offen, aber nur wenige schafften es. Der Historiker erinnert sich daran, dass in den Zwanzigerjahren einige hundert Kleinunternehmer versuchten, ins Radiogeschäft einzusteigen. Nach dem Krieg gab es wieder viele Fabrikationsbetriebe, aber viele derer, die zu Beginn scheiterten, sind heute vergessen. Einige verdienten es vielleicht, vergessen zu werden, aber so sah man es damals.

 

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Im Juni 1947 wurde in der Zeitschrift "Funk-Technik" berichtet, dass die Bauerlaubnis für Radios nicht mehr von Telefunken oder dem VDFI vergeben wurde, sondern von den Alliierten Militärmächten übernommen wurde. Es war jedoch fraglich, ob sich alle kleinen Hersteller an die vorgegebenen Verordnungen hielten.

In einem Leitartikel mit dem Titel "Die Lage der Rundfunkindustrie" in der "Funkschau" im Juni 1947 warnte Werner W. Diefenbach davor, dass die Produktion minderwertiger Empfänger dem Radiomarkt langfristig mehr schaden würde, als dass sie zunächst zur Befriedigung der Bedürfnisse von dringenden Käufern von Vorteil zu sein scheint. Als Kuriosum wies er auf ein Gerät hin, bei dem die Teile und Schaltung auf der Papprückwand eines kleinen, ebenfalls aus instabiler Pappe bestehenden Lautsprechergehäuses eingebaut waren. Diefenbach prophezeite ein 100%iges Fiasko für die Fabrikationsmethoden solcher Gerätehersteller.

Leider nannte die "Funkschau" den Namen des Herstellers nicht, der sich auch auf seinem Gerät nicht zu erkennen gab. Neuerdings glaubt man jedoch, dass Blaupunkt (!) als LV 17-Variante solche "Notzeit-Radios" hergestellt haben könnte. Heute sind solche "Notzeit-Radios" sehr begehrt (je schlimmer, desto besser). Es wäre jedoch interessant, mehr über einige der teils namenlosen Hersteller aus dem Dickicht kleiner Erzeuger und über die Umstände ihrer Entstehung zu erfahren. Das Interesse der Sammler, das Geschehen auch aus diesem Zeitabschnitt zu dokumentieren, erwachte leider zu spät. Oft ist es nicht mehr möglich, die Lebensläufe einzelner Firmen wieder aufzurollen, da Zeitzeugen nicht mehr unter uns sind. Die Grenze zwischen einer dürftigen "Werks"-Produktion und der handwerklichen Kleinserien- und Einzelfertigung in zahlreichen Fachhändler-Reparaturabteilungen war fließend. Es gab auch noch so manche Kellerwerkstatt, in der ein Dutzend "Notzeit-Radios" von ehemaligen Funkern und Bastlern hergestellt wurden, die dann auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden. Ob diese noch aufgespürt werden sollten, bleibt fraglich.

Hier ist ein Auszug aus den Firmenlisten der Nachkriegs-Neulinge, die Seiten füllen:

  • Äola - Helmut Schlaak & Co., Berlin-Charlottenburg
  • Bi-Funk-Labor, G. Innhoffen, Wuppertal-E.
  • Cenio, C. Nieten GmbH, Kiel
  • Dira-Gerätebau, Theo Dirksen, Böblingen/Württ.
  • Elbeg - Elektrobau Glampe, Berlin-Friedenau
  • Funkstrahl-Ges. für Nachrichtentechnik mbH, Konstanz
  • Gollnow-Elektromechanik, Höxter/Weser
  • Hoboton, Bollmeyer & Hoppe, Bremen
  • Jotha-Radioapparatefabrik, Jochen Hüngerle KG, Königsfeld
  • Karufa-Rundfunkwerk, Karlsruhe
  • Lembeck & Co., Braunschweig
  • Mainfunk-Rundfunkgeräte, Würzburg
  • Nordab, Nordd. Apparatebau Mongliers & Co, Hamburg
  • Oligmüller, Weingarten/Württ.
  • Padora-Radiowerk, Coburg
  • RVF (Max Grundig), Fürth/Bayern
  • Süd-Verstärker GmbH (SVE), Ellhofen/Allgäu
  • Tonolux-Radio- und Meßgeräte, Neuenbürg/Schwarzwald
  • UBA, Ges. für Radioleuchten, Frankfurt a.M.
  • Voss-Radiobau, Eislingen/Fils
  • Wuco, Wucher & Co, Lindenberg/Allgäu
  • Zethe-Apparatebau, Frankfurt a.M.

 

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Während die "Funkschau" vor minderwertigen Empfängern warnte, war der "radiohungrige" Zeitgenosse bereit, ein paar wertvolle Zigarettenpackungen zu opfern, um endlich das ersehnte - wenn auch noch so primitive - Gerät zu bekommen. (Sammlung Dr. Windisch)

 

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Otto Kappelmayer beschrieb in einem Artikel in der "Funk-Technik" seine Eindrücke von der Leipziger Messe im Jahr 1947 mit dem Titel "Mehr Quantität als Qualität". Er bemerkte, dass ein Meer von Einkreisern ausgestellt wurde und dass viele neue Firmen lustig darauflos bauten, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob sie möglicherweise fremde Schutzrechte verletzten. Einige Firmen gingen sogar davon aus, dass alles nachgebaut werden könne, da das Patentamt geschlossen sei. Der Verfasser erklärte jedoch, dass dies eine völlig falsche Annahme sei und erläuterte die Patentlage, die manchem Neuling Angst machen könnte.

Im Folgejahr, 1948, berichtete die "Funk-Technik" im Heft 7 von derselben Messe und bemerkte, dass Firmen, die ohne Lizenz einfach drauflos gebaut und ausgestellt hatten, wieder verschwunden seien. Einige Firmen zeigten noch immer recht mäßige Empfänger, für die eine Lizenz erst beantragt wurde, die aber wahrscheinlich nie erteilt werden würde.

 

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Es gab viele solcher "Radio-Hersteller". Daher sollte es niemanden überraschen, dass es sich bei vielen Ausstellern und kleineren Werkstätten um "Eintagsfliegen" handelte. In den Kapiteln 9 und 11 finden sich Firmengeschichten nur dann, wenn ein "Lebenslauf" und zumindest ein Radio oder Foto für eine Abbildung verfügbar waren.

Manchmal fehlte jedoch das eine oder das andere. So ist beispielsweise immer noch unklar, wer das "Erro"-Radio hergestellt hat, und es fehlen Informationen über Firmen wie S. Ehrling, Elix und andere.

 

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Das hübsche Radio, das mit zwei RV12P2000-Röhren ausgestattet ist, trägt den Namen "Goldstern" auf der Skala. Möglicherweise hätte man auf der Rückwand die Adresse des Herstellers lesen können, aber diese fehlte leider. (Deutsches Rundfunk-Museum, 48 XX 01 H)

 

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Der Fünfröhren-Sechskreis-Superhet mit dem Namen "Gesa-Marlen" wurde vollständig mit Rückwand gefunden. Der Name "Marlen" bezieht sich auf einen Teilort von Kehl, aber die Stadtverwaltung konnte keine Informationen darüber geben, dass die betreffende Firma gewerblich registriert war. (Sammlung J. Chowanetz)

 

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Ein Beispiel für das Gegenteil ist die Firma "Radiotechnische Werkstätten RTW", die 1948 in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb gegründet wurde. Der Gründer, der hochbetagte Rul A. Bückle, konnte alle Einzelheiten über den Betrieb erzählen. Zuvor hatte er bei Wega und Jungmann in Eislingen gearbeitet, bevor er sich selbstständig machte. Mit einer Belegschaft von 18 Mitarbeitern produzierte er etwa tausend Einkreiser des Typs "Skorpion Studio 47", die mit RV12P2000-Röhren ausgestattet waren. Leider konnte kein einziges Stück wieder gefunden werden, und Rul Bückle hat nicht einmal mehr ein Foto davon. Dies ist jedoch kein Einzelfall.

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